Peking und die unsichtbare Stadt

Dieser Bericht handelt von meiner Reise nach Peking – auf dem Weg nach Hsin-Chu, Taiwan. In Peking und Shanghai kann man bei bestimmten Flügen in Drittländer einen 72-Stunden Aufenthalt ohne Visum machen. Das habe ich für die Flüge rund um mein Auslandssemester gemacht.

Frankfurt → Peking → Taipeh → Shanghai → Frankfurt

Vor dem Abflug war ich das totale Nervenbündel, mir ging’s gar nicht gut. 10.000 Kilometer … Rückkehr erst wieder in 4 Monaten … da geht einem der Stift irgendwie.

Um auf jede Art Diebstahl vorbereitet zu sein, hatte ich alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen … Kopien aller Dokumente an x Stellen und in der Cloud. Wobei letzteres in China ziemlich dumm ist, die Dienste die wir so kennen sind dort nämlich gesperrt. Ansonsten … Trolli mit Vorhängeschloss, Kabelbindedrähte an Rucksackreißverschluß, alles wichtige am Körper, Jacke immer zu.

Die Fahrten habe ich mit ordentlichen Wartezeiten geplant, so dass alle Anschlüsse gut funktioniert haben.

Im Flugzeug saß neben mir eine Chinesin, die an einer Exkursion mit ihrem Deutschkurs teilnahm und mit dieser Maschine zurück flog. Ich konnte mich also unterhalten, das war schon mal nicht schlecht. Das eigentlich Ziel war es aber, im Flieger zu schlafen. Das hat überhaupt nicht geklappt. Zu aufgeregt.

In Peking angekommen war klar, man hätte sich für die Touren bei Air China 7 Tage vorher anmelden müssen … hab ich vergessen. Daraufhin habe ich mich am Schalter gemeldet und sie haben mich tatsächlich noch für eine Great-Wall-Tour aufgenommen. Sie rufen im Hostel an, sagte die Dame.

Der erste Tag war sonnig, der Himmel war blau und ich war ganz überrascht.
Die Menschen und die Autos bilden durcheinander auf der Straße. 4-spurige Straße, die Autos fahren einfach , die Menschen gehen einfach … aber das macht man dann automatisch auch so. 🙂

Das Beijing Happy Dragon Courtyard Hostel zu finden war ziemlich knifflig, da es sich in einer super-unscheinbaren Seitengasse befindet und da auch noch sehr weit hinten.

Im Hostel-Zimmer war bei meiner Ankunft niemand sonst da, ich konnte also schlafen. Konnte ich nicht. Zu aufgeregt – und dabei so müde.
Das Zimmer selbst liegt im hinteren Bereich des Hutong. Außer der Dusche und ab und zu vorbeilaufenden Bewohnern sehr ruhig gelegen.

Das Personal war immer sehr zuvorkommend und hilfsbereit. In der Bar in der Mitte des Gebäudes kann man (hauptsächlich westliches) Essen und Trinken bekommen.

In meinem Zimmer war ich mit noch 5 anderen Leuten.
Es erschienen irgendwann zwei Jungs. Ein Neuseeländer und ein Kanadier. Die kamen von der großen Mauer zurück und schwärmten von dem Ausflugs-Angebot des Hostels und ihrem Mauer-Ausflug.
Dem folgte eine junge Kroatin, die schon seit einem Monat im Hostel wohnt und die deutsche Sprache wahnsinnig unsexy findet, sich aber doch blenden mit mir auch englisch verstanden hat. Später kamen noch ein Chinese und eine Chinesin dazu, die insg. sehr wortkarg waren aber auch nicht negativ aufgefallen wären.

Die Touren des Hostels waren auch meinerseits ein großes Pro … neben dem Preis von 50 Yuan (5 Euro) pro Nacht trotz extrem zentraler Lage.

Ich hab mir dann gleich am ersten Tag die Peking Oper als Ausflugs-Ziel angesehen und wurde sogar dorthin gefahren.
So durfte ich den chinesischen Verkehr als Beifahrer erleben. Krass, was für ein wildes Gewurschtel.
Es waren noch andere Leute im Wagen, aber die wurden zur Kung-Fu-Show gefahren. Ich war am Ende in der Oper alleine.
Die Oper selbst war interessant und rasant. Es wurden nahezu ohne Requisiten drei Akte aufgeführt. Drei unterschiedliche Geschichten, wobei mir nicht immer klar war, um was es tatsächlich geht.
In einer Geschichte wollte eine junge Frau zu verbotenem Geliebten mit einem 60 jährigen Bootmann fahren. Das Boot-besteigen wurde grandios in Szene gesetzt mit ganz viel Gewackel. 🙂

Nach der Oper ging die Odyssee „Suche nach der U-Bahn“ los. Die Richtung, die der Fahrer angegeben hatte, wies keine U-Bahn-Station auf.
Und die Luft in dieser Nacht hing in Abgasen und Schwefel … das war atem-raubend.
Nachdem ich mit meinem gestammelten Chinesisch mehrer Leute gefragt hatte und immer noch der Meinung war auf dem Holzweg zu sein, begleitete mich ein junges Pärchen bis in die U-Bahn. Sehr nett.

Das U-Bahn-System ist übrigens der Knaller. Die kommen im 3-Minuten-Takt, der Plan ist super verständlich und eine Fahrt kostet 2 Yuan … das sind 20 Cent. Dafür geht man einmal rein und kommt erst wieder raus, wenn man am Ziel angelangt ist – egal wie oft man umgestiegen ist. An den Bahngleisen sind fast in jeder Station Glaswände mit Türen, so kann niemand auf die Gleise gelangen. Die U-Bahn-Türen öffnen bündig parallel mit den Glastüren der Station.

Überall gibt es Werbung in der Bahn. An den hängenden Handgriffen, in immer laufenden Fernsehern, an Plakaten, an kilometerlangen Bildschirm-Installationen, die auf Fensterhöhe im Tunnel angebracht sind…
Aber das grandiose … die Security ist sehr präsent. Für mich als den mega Fremde-Schisser eine Wohltat. Hab mich selten sicherer gefühlt dank der Überpräsenz der „Beijing Security Volunteers“ und richtiger Polizei. Außerdem muss man am Eingang zu jeder U-Bahn-Station einen Gepäck-Scan durchlaufen.

Nach der Oper war ich richtig fertig. Kaum zurück, hieß es, der Tourguide habe wegen der großen Mauer angerufen und gemeldet, er hole mich um 8:00 Uhr ab. Ausschlafen war also nicht. Bei der Tour konnte man eine der Ming Tombs und die große Mauer anschauen. 300 Yuan wollte er dafür, also etwa 30 Euro.

Ich wurde pünktlich abgeholt, obwohl der Guide seine Schwierigkeiten hatte, die Location zu finden. Hat mich nicht gewundert. Auf dem Weg lasen wir noch  zwei junge Frauen auf. Zwei Kolleginnen, die eine aus Serbien, die andere aus Bosnien. Beide sehr nett und auf dem Weiterflug nach Dubai.

Die Ming Tombs waren relativ unspektakulär, da es sich um Gräber handelt. Aber gelernt habe ich: Über die Schwelle ins Totenreich geht Mann mit dem linken Fuß und Frau mit dem rechten Fuß zuerst. Der Grund ist mir entfallen, aber aus Respekt habe ich das bei jeder dieser Schwellen (und davon gibt’s in China viele, insb. in historischen Gebäuden, da sie Geister fernhalten, die nicht springen können) befolgt. Und aus dem Totenreich das selbe Spiel aber diesmal mit den Worten „Wǒ huíláile“ (我回来了).
Weiter gab es zu lernen, dass Jade lange Zeit als das härteste Material in China gehandelt wurde, bis der Diamant auftauchte. Ab diesem Moment durfte auch das Volk Jade tragen.

Nachdem wir hier fertig waren, nahm es Kaffeefahrt-ähnliche Zustände an.
Zum Mittagessen ging es in ein Jade-Juwelier-Geschäft, wo man sehr teuer Jade einkaufen konnte. Beeindruckend fand ich die 20 grün uniformierten Verkäuferinnen, die uns sofort umschwärmten (gut, war ja außer uns sonst keiner da). Ein paar Geschenke hab ich dort gekauft, ok.
Das Mittagessen selbst war ein relativ umfangreiches Buffet und auch etwas scharf (aber ich bin ja trainiert).
Als die Bedienung irgendwas mit „Kuazi“ (Essstäbchen) an unserem Tisch vorbei rief, fing ich an, den zwei Damen am Tisch zu erklären, was ich verstanden hatte und habe dabei gar nicht gemerkt, dass ich plötzlich deutsch statt englisch redete. Das ergab fragende Gesichter. Das sollte mir noch an mehreren Stellen passieren. Ich kann da ein Muster erkennen. Deutsch und Chinesisch scheinen in meinem Kopf eine Symbiose eingegangen.

Schon auf der Fahrt zu den Ming-Tombs fand ich die Luftqualität gar nicht gut. Die Sicht lag bei etwa 300 Metern, bevor alles grau-gelb wurde.
Von der Mauer, die an unserem Ziel-Ort an zwei gegenüberliegenden Bergläufen liegt, war von der einen Seite aus kaum etwas zu erkennen.
Es war kalt und hat geschneit. Wir haben uns die steile Treppe bis zum ersten Turm hochgequält … runter mussten wir leider auch noch …

Danach ging’s wieder ins Warme … in eine Seide-Fabrik. Dort gab es nach eine sehr knappen Einführung der Seide-Gewinnung und eine beschaulichen Verkaufsraum – wär hätt’s gedacht.
Auch hier: mehr Personal als Gäste und sehr aufmerksam.
Der letzte Schritt in warmen Gefilden war der Besuch in einem Teehaus mit Tee-Probe. Ich muss sagen, der hat wirklich beeindruckend gut geschmeckt … ich hab sonst bei Tee das Problem, dass ich eher nichts schmecke. Hier war das völlig anders.

Damit war der Tag für mich rum. Meine Beine taten weh von der Mauer.
Aber meine Zimmer-Genossin und ich sind trotzdem nochmal raus auf einen Nachtmarkt um irgendetwas Verrücktes zu essen. Tat ich auch: kleine Skorpione am Spieß, frittiert und gesalzen. Lecker.

Dann war aber wirklich Schicht, schließlich wollte ich ja noch den Sommerpalast, den Platz des Himmlischen Friedens und die verbotene Stadt im Alleingang mit Hilfe der U-Bahn anschauen.
Blöderweise hab ich bis halb eins durch geschlafen nach all den Anstrengungen, so dass es nur die verbotene Stadt wurde.


Die Luft war wieder so übel, dass man gar nicht weit sehen konnte, dass machte sich vom Berg hinter der der Stadt stark bemerkbar. Der Kaiser hatte hier den schönsten Überblick. Ich sah nur grauen Dunst.

An diesem Abend waren meine Beine noch viel fertiger, aber es zog mich doch nochmal hinaus zum Laternenfest.
Zu meinem Bedauern kam ich zu spät. Scheinbar waren alle Feuerwerke an meinem Zielort schon gefeuert. Nur hier und da wurde noch privat der Himmel bemalt.
Die Gebäude hingen voller Lichter.

Am nächsten Tag sollte der Flug nach Taipeh gehen. 8:30 Uhr Abflug, heißt spätestens 7:30 Check-In.

Ich also 5:15 aufgestanden – richtig geschlafen habe ich nicht. Alles schon gerichtet gehabt. Ausgecheckt wie am Schnürchen, ab zur U-Bahn, locker flockig zum Airport Express Zug, eingestiegen und eine Station ZU WEIT gefahren. Dummerweise dauert die Korrektur (Die Option „Eine Station zurück“ gibt es nicht) etwa 40 Minuten. Den Check-In konnte ich vergessen.
Viel Aufregung, Wut, Rennerei und 100 Euro Umbuchungsgebühr später hatte ich einen Flug Nachmittags um 14:00 Uhr.

Hieß erstmal 3 Stunden auf den nächstmöglichen Check-In warten. Danach musste ich mir erstmal einen Kaffee gönnen und eine Burger essen, damit ich nicht umkippe.
Meine Lunge war da schon fast am Kollabieren. Bei so’ner Luft darf man sich einfach nicht anstrengen.
Etwas 90 Minuten vor Abflug bin ich mal losgedackelt, die ganzen Prozeduren durchzumachen. Tatsächlich waren die 90 Minuten sogar nötig, da die Wege im Pekinger Flughafen echt lang sind.

Auf dem Flughafen bot sich ein krasses Bild der Nicht-Sichtbarkeit … die Luft war noch schlimmer geworden.

Beim Aufstieg des Flugzeugs zeigte eine Kamera zuerst Bilder nach vorn bis alles nur noch grau war, dann schaltetet es auf eine Kamera nach unten um, wo es nach ein paar Sekunden genauso grau wurde.
Bei etwa (nagelt mich nicht fest) 1500 Fuß Höhe erreichten wir das Ende des Sumpfes.
Oben blau unten gelb-grau-bäh.

Es war cool, so viel neues zu sehen. Meine Ängste sind rasant dahingeschwunden.

7 comments
  1. Hi Rü, hatte richtig Spaß beim Lesen und musste sehr oft lachen 🙂 Wünsche dir eine unvergessliche Zeit und freue mich auf mehr Berichte. Liebe Grüße, Elif

  2. Hej Ruediger,
    vielen Dank fuer den Bericht. Fremdschisser ist ein großartiger Terminus. Ich fuerchte, damit muss ich Dich in vier Monaten auch noch konfrontieren. 🙂
    Viele Gruesse nach Fernost.
    Frank

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